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Volker Kriegel

„Im Herbst 1968 wurde ich Profimusiker.“ Ein Satz, so lapidar von Volker Kriegel dahergesagt, dass man ihn fast überhören könnte. Der Statuswechsel vom Amateur- zum Profi-Gitarristen  hatte für den damals 25-Jährigen einen ganz pragmatischen Grund – wie sich Kriegels Witwe Evelyn erinnert: „Wir studierten ja beide zu der Zeit und hatten überhaupt kein Geld. Zeichnen, schreiben, Musik machen: Das waren die drei Felder, die Volker mit Leidenschaft bestellt hatte. Weshalb es nahe lag, auch davon zu leben.“

Volker Kriegel, am Heiligabend 1943 in Darmstadt geboren und am 14. Juni 2003 im spanischen San Sebastian gestorben, war 1968 nicht

nur ein vielversprechender und begabter Gitarrist. Damals schon war er eines dieser so seltenen Multitalente, der neben der Musik auch als Zeichner und Texter gewitzt Karikaturen und Cartoons zu Papier brachte, sodass er unter anderem in der Zeitschrift „Publik“ seine mit  sprichwörtlich spitzer Feder hingetuschten Sottisen publizieren konnte. „Es war eine geradezu ideale Arbeitssituation“, sagte Kriegel: „Die,Publik‘-Connection fiel zusammen mit der Gründung des Dave Pike Set, d. h. mit dem Beginn meines Berufsmusikerdaseins.“

Das Dave Pike Set mit Kriegel an der Gitarre, mit Hans Rettenbacher am Bass, Peter Baumeister am Schlagzeug und dem Amerikaner Dave Pike am Vibrafon wurde zur Matrix einer „Fusion, made in Germany“ – auch für Kriegels spätere Bands. Mit seinem bilderstürmerischen „Anything Goes“, mit dem die vier Musiker die Grenzzäune zwischen Jazz, Pop und Rock niederreißen sollten, hinterließ das Dave Pike Set jedenfalls tiefe Spuren im Musikgeschehen dieser Zeit.

Es ist der Weitsicht der Kulturredaktion des damaligen Südwestfunks (SWF) in Mainz zu verdanken, das unvergleichliche Talent Kriegels erkannt zu haben und ab 1963 den Anfang-20-Jährigen mehrmals im Studio und auf Konzertbühnen aufzunehmen. Die unlängst gefundenen und nun veröffentlichten Mitschnitte dieser Jahre zeichnen nun den Prozess nach, den Kriegel in dieser Zeit gemacht hatte: Wie sein Selbstverständnis als Jazzer aus den Fugen geriet und er sich nach und nach der Pop- und Rockmusik öffnete.

Wie viele Musiker seiner Zeit war auch Kriegel Autodidakt. Als Jugendlicher ließ er sich die „amtlichen Jazzakkorde“ auf der Gitarre zeigen und entdeckte über Schallplatten und Radio die großen amerikanischen Meister – einen Herb Ellis und Wes Montgomery zum Beispiel, aber auch einen Jim Hall und Barney Kessel. Hört man die Aufnahmen, die 1963 mit dem Trio des 19 Jahre jungen Gitarristen entstanden sind, so sind darin die Vorbilder zwar präsent. Aber in Stücken wie „Django“, „Polka Dots And Moonbeams“ oder „Rhythm-A-Ning“ trat Kriegel nicht einfach nur als Jazzgitarrist in Erscheinung. Vielmehr transformierte er die Tradition der swingenden Musik der USA in eine farbenreiche Sprache, die schon 1963 mit ihrer außergewöhnlich phrasierten Melodik ganz nach ihm selbst klang.

Mitte der 1960er fand Kriegel Aufnahme in der deutschen Jazz-Kaderschmiede, dem Jazzkeller in Frankfurt, wo die große erste Generation deutscher Improvisationsmusiker um die Mangelsdorff-Brüder Albert und Emil ihr Zuhause hatte. Zur gleichen Zeit verdingte er sich als semiprofessioneller „Gebrauchsgitarrist“ in den vielen Clubs der US-Armee im Rhein-Main-Gebiet. Auch und gerade deshalb war das Amateur-Jazzfestival in Düsseldorf, bei dem Kriegel 1963 als bester Solist ausgezeichnet worden war, für den jungen Gitarristen eine weitere wichtige Station. Dort traf Kriegel den Organisten Ingfried Hoffmann und den Saxofonisten Klaus Doldinger, mit denen er seine ersten Profi-Jobs spielte. Dabei lernte er auch Claudio Szenkar kennen. Dessen Instrument, das Vibrafon, sollte sich wie ein roter Faden durch seine weitere Karriere ziehen. Schon 1967 war er fasziniert vom „kontrastreichen“ Wohlklang dieser zwei Instrumente: von der Gitarre mit ihrer melodischen Linearität und diffizilen Dynamik einerseits, vom Vibrafon mit seinem breiten Soundspektrum von wohlig bauchigen Tiefen bis hin zu schneidend scharfen Höhen andererseits. Um die außergewöhnliche Wirkung des Zusammenklangs noch zu verstärken, griff Kriegel sogar in einigen Stücken zur akustischen Nylonsaiten-Gitarre.

Die zweite Hälfte der 1960er-Jahre waren aber auch die „Hay-days“ der „Fab Four“. „Volker hatte immer schon großes Interesse an starken Melodien“, unterstreicht Evelyn Kriegel, „und die Songs der Beatles mit ihren intelligenten Texten und wunderschönen Melodien haben ihn geradezu hingerissen.“ „Norwegian Wood“ ist ein Beispiel, wie die Jazzmusiker Kriegel und Szenkar dieses schlichte Thema mit seiner fallenden Melodielinie regelrecht entkernten, um mit ihrer eloquenten Improvisationskunst das Lyrisch-Ergreifende dieses Songs in einem neuen Licht erstrahlen zu lassen.

1969 hatte sich Kriegel endgültig einen Namen in der Jazzszene gemacht. Für die SWF-Aufnahmen in diesem Jahr erweiterte er die Rhythmusgruppe des Dave Pike Set durch den Saxofonisten Gustl Mayr und den Vibrafonisten Fritz Hartschuh zum Quintett. Das Besondere an dieser Band waren zum Beispiel die stoisch repetierende Rock-Grooves, denen das effektvolle Melodiespiel der Jazzmusiker gegenüber stand. 1969 tritt aber noch etwas anderes zu Tage: Kriegel hatte auch als Komponist seine persönliche Sprache gefunden. Das Gros der Stücke dieser Session stammte aus seiner Feder. Und als Komponist verfolgte er genauso konsequent das Ziel, die grundverschiedenen Stilistiken Jazz, Pop und Rock vorurteilsfrei zu behandeln. Denn darin bestand für Volker Kriegel zeitlebens das wesentliche Merkmal einer „echten“ Avantgarde. „Dieses Nicht-ernst-Nehmen der Kategorien“, wie er es einmal formulierte, „wäre dann doch moderner als eine in sich geschlossene Spielart, die als modern gilt.“

Katalognummer: 101726

Trackliste 
1Django
2 Tabu
3Israel
4Saint Louis-Blues
5Rhythm-A-Ning
6Les Enfants S'ennuient Le Dimanche
7Autumn Leaves
8Three Seconds
9Tea And Rum
10Morandi
11Don't Wait
12Nana Imboro
13Nyleve
14Connie's Blues
15Viande
16Traffic Jam
17Little Pear
18Norwegian Wood
19Five By Four
20Royal Harp
21Cry It Out
22Soul Eggs
23Noisy Silence, Gentle Noise
24Somewhat, Somewhere, Somehow
25Sitting On My Knees
26Slums On Wheels
27I'm On My Way
28Pluns
29Mother People
   

 
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